Wie tötet man das Unbelebte?
(Janko Belaj, für die ersten Ankündigungen)
Mit der Fotografie dokumentiere ich gewöhnlich unterschiedlichste Szenen nach den Wünschen von Auftraggebern oder Landschaften, in denen ich mich gerade befinde. Mit der Serie “Der suizidale Knochenkerl” habe ich mich jedoch auf eine Erkundung eingelassen, deren Ausgang ich nicht im Voraus festzulegen versuche. Das ursprüngliche Konzept, dem Knochenkerl als Figur zu folgen, die – ähnlich wie der Selbstmörder aus dem Comic Alan Ford, hoffnungslos verloren in der Realität, die sie umgibt – vergeblich versucht, sich selbst zu töten, verwandelt sich in eine Art Reflexion über die Entfremdung des Individuums im Allgemeinen. Kurz gesagt: Ich überlasse es meinem “Knochenkerl”, sich nach allem, was ihm widerfahren ist, wieder aufzurichten und zu “überleben”. Die endgültige Rezeption seines Schicksals hängt nicht mehr ausschließlich von meiner Autorschaft des Konzepts ab, denn auf diese Weise erscheint der Knochenkerl als ein aktiver Mitautor – schließlich handelt es sich am Ende doch um “seine Knochen”.
Gerade dank der unterschiedlichen Reaktionen, kreativen Deutungen und völlig gegensätzlichen Emotionen der Menschen, denen ich Teile der Serie gezeigt habe, habe ich mich dazu entschlossen, die ursprüngliche Leitidee bei einzelnen Aufnahmen zu “verdecken” und den Betrachtenden lediglich über den Bildtitel einen möglichen Weg anzudeuten, den ich mir vorgestellt habe. Dabei geht es mir selbstverständlich nicht darum, eine bestimmte Sichtweise vorzugeben oder die Betrachtenden “an die Hand zu nehmen”; vielmehr genieße ich ihre Interpretationen – sowohl der einzelnen Segmente als auch der Serie als Ganzes.
Auf diese Weise rechtfertigt auch das Endergebnis des Projekts die anfängliche “Selbstzurücknahme”, denn es bietet einen relevanten Einblick in das Zusammenleben von Autor, Figur und Publikum.
Techniken der Entstehung der Serie
Für “Der suizidale Knochenkerl” habe ich mich für eine flache Camera Obscura im Großformat (ich arbeite mit Schwarzweißfilm 9×12 cm) und mit sehr weitem Bildwinkel entschieden, um mehrere der Möglichkeiten der Lochkamera zugleich zu nutzen. Das fein geätzte kleine Loch (0,2 mm) verleiht dem Bild eine Schärfe, an die man bei der Camera Obscura nicht gewöhnt ist, und ermöglicht zugleich Eingriffe durch Nachbelichten und Abschatten während der Belichtung fast wie in der Dunkelkammer. Durch den extrem weiten Bildwinkel (eine Brennweite der Kamera von 40 mm entspricht etwa 12 mm im “Leica-Format”) hebe ich die kleine Figur im Raum hervor. Durch die zeitliche Kompression während der Belichtung werden zusätzliche Lichtquellen aufgenommen, während sich bewegte Teile der Szene verwischen und den Aufnahmen eine zusätzliche Prise Mystik verleihen.